Gesundheitswelt der AOK Sachsen-Anhalt

Lebensretter-Wissen

Junger Mann leistet Erste-Hilfe bei bewusstlloser Seniorin

Handeln, wenn jede Sekunde zählt

Ein medizinischer Notfall ist eine plötzlich auftretende Situation, die sofortige Hilfe erfordert. Ohne eine umgehende medizinische Behandlung kann die betroffene Person schwere oder bleibende Schäden davontragen – im schlimmsten Fall sogar sterben. Häufig sind die Vitalfunktionen des Betroffenen eingeschränkt. In solchen Fällen ist jeder verpflichtet, im Rahmen seiner Möglichkeiten Erste Hilfe zu leisten. So kann die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes überbrückt werden. Dieser soll in Sachsen-Anhalt gemäß den Vorgaben des Rettungsdienstgesetzes in der Regel innerhalb von zwölf Minuten am Einsatzort eintreffen.

In unserem Artikel zeigen wir Ihnen, wie Sie die Anzeichen eines medizinischen Notfalls erkennen und Erste Hilfe leisten können. Außerdem geben wir Tipps für eine gut ausgestattete Hausapotheke und erklären, wie sich ein Notfall psychisch verarbeiten lässt.

Wussten Sie schon, dass...

  • jährlich rund 30 Millionen Notrufe abgesetzt werden?
  • Ihnen das AOK Clarimedis-Servicetelefon bei allgemeinen medizinischen Fragen helfen kann?
  • etwa 50.000 Menschen in Deutschland jährlich einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleben?
Frau wählt Notruf für ohnmächtigen Mann

Richtig reagieren: Von Allergien bis zum Hitzeschlag

Zunächst ist es wichtig zu wissen, wann es sich um einen Notfall handelt und wann ein Besuch beim Hausarzt ausreicht. Anzeichen für einen Notfall sind:

  • akut auftretende Beschwerden, deren Symptome sich schnell verschlimmern
  • lebensbedrohliche Situationen oder Beschwerden
  • Beschwerden, die eine sofortige medizinische Behandlung erfordern

Die Notrufnummer 112 gilt europaweit für Notfälle. Verzichten Sie in solchen Situationen möglichst darauf, selbst ins Krankenhaus zu fahren. Ein Rettungswagen ist in der Regel schneller vor Ort und verfügt bereits über die notwendige medizinische Ausstattung.

Symptome, die auf einen Notfall hindeuten, sind beispielsweise:

  • schwere Atemnot
  • Atem- oder Kreislaufstillstand sowie Bewusstlosigkeit
  • Unfälle mit schweren Verletzungen
  • plötzlich auftretende Brustschmerzen (möglicher Hinweis auf einen Herzinfarkt)
  • plötzlich auftretende Lähmungen oder Sprachstörungen (möglicher Hinweis auf einen Schlaganfall)
  • schwere Verbrennungen

Im Folgenden stellen wir verschiedene medizinische Notfälle vor. Sie erfahren, woran Sie diese erkennen und wie Sie im jeweiligen Fall richtig handeln.

Medizinische Notfälle erkennen und richtig handeln

Im Folgenden stellen wir verschiedene medizinische Notfälle vor. Sie erfahren, woran Sie diese erkennen und welche Sofortmaßnahmen jeweils wichtig sind.

  • Allergische Sofortreaktion (Anaphylaxie)

    Typische Anzeichen für eine allergische Sofortreaktion sind:

    • Atemnot und Engegefühl im Hals oder Brustkorb
    • Schwellungen, insbesondere im Gesicht, an der Zunge oder im Rachen
    • Schwindel und Blutdruckabfall
    • starker Hautausschlag
    • Übelkeit und Erbrechen
    • Bauchkrämpfe und Durchfall

    Treten Atem- und Kreislaufprobleme gleichzeitig auf, kann dies auf einen anaphylaktischen Schock hindeuten. Wählen Sie in diesem Fall sofort den Notruf 112.

  • Herzinfarkt

    Bei einem Herzinfarkt können sich die Symptome bei Frauen und Männern unterscheiden.

    Typische Symptome bei Frauen:

    • Übelkeit und Erbrechen
    • Atemnot
    • Schmerzen zwischen den Schulterblättern sowie im Oberbauch oder Rücken
    • starke Müdigkeit

    Typische Symptome bei Männern:

    • plötzlich auftretende starke Brustschmerzen, die in Arme, Schulterblätter, Kiefer oder Oberbauch ausstrahlen können
    • starkes Engegefühl im Brustkorb
    • Todesangst
    • Schweißausbrüche und Blässe
  • Schlaganfall

    Typische Anzeichen für einen Schlaganfall sind:

    • Seh- und Sprachstörungen
    • Lähmungserscheinungen
    • plötzlich auftretende starke Kopfschmerzen oder Schwindel
    • Übelkeit und Erbrechen

    Orientieren Sie sich bei Verdacht auf einen Schlaganfall an der sogenannten FAST-Methode.

  • Hitzeschlag

    Typische Anzeichen für einen Hitzeschlag sind:

    • sehr hohe Körpertemperatur (über 40 Grad Celsius)
    • heiße, gerötete und trockene Haut
    • Übelkeit und Erbrechen
    • Schwindel
    • Sprachstörungen oder Bewusstlosigkeit

    Die Beschwerden treten häufig zeitversetzt auf und zeigen sich mitunter erst einige Stunden nach der Sonneneinstrahlung. Lassen Sie einen Hitzeschlag deshalb immer ärztlich abklären.

  • Herz-Kreislauf-Stillstand

    Führen Sie bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand sofort eine Herzdruckmassage durch und wählen Sie den Notruf 112. Gehen Sie dabei nach der Regel „Prüfen, Rufen, Drücken“ vor: Prüfen Sie zunächst Bewusstsein und Atmung, rufen Sie anschließend den Rettungsdienst und beginnen Sie danach unverzüglich mit der Herzdruckmassage.

  • Starke Blutung

    Bei starken Blutungen gilt:

    • Blutungen an Armen oder Beinen: Betroffene Gliedmaßen hochlagern.
    • Blutungen am Hals: Mit der flachen Hand Druck auf die Wunde ausüben.

    Legen Sie anschließend einen Druckverband an. Falls keiner vorhanden ist, können Sie dafür auch ein sauberes, möglichst keimfreies Tuch verwenden. Zeigt die betroffene Person Anzeichen eines Schocks, etwa Frieren, Zittern oder blasse Haut, lagern Sie die Beine erhöht. Bleiben Sie außerdem bei der betroffenen Person, decken Sie sie zu und sprechen Sie beruhigend mit ihr, bis der Rettungsdienst eintrifft.

  • Vergiftung

    Je nach Art der aufgenommenen Substanz können die Beschwerden unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Mögliche Symptome sind:

    • Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall
    • plötzlich auftretende Bauchschmerzen
    • Kopfschmerzen und Schwindel
    • Müdigkeit

    Darüber hinaus kann es zu lebensbedrohlichen Symptomen wie Bewusstlosigkeit, Atem- oder Kreislaufstillstand kommen. Kontaktieren Sie bei einer Vergiftung den Giftnotruf Sachsen-Anhalt unter der Telefonnummer 0361 730 730. Dort erhalten Sie Unterstützung durch die Experten des gemeinsamen Giftinformationszentrums der Länder Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen.

    Wichtig: Besteht Lebensgefahr, wählen Sie immer zuerst den Notruf 112.

Herzdruckmassage wird ausgeübt

Erste Hilfe 2.0: Moderne Grundlagen und Richtlinien

Bei Notfällen wie einem Schlaganfall, Herzinfarkt, einer schweren Verbrennung, einer allergischen Sofortreaktion, einem Verkehrsunfall oder einem Unfall im Haushalt kann Erste Hilfe Leben retten. Nach § 323c Strafgesetzbuch (StGB) ist jeder verpflichtet, im Rahmen seiner Möglichkeiten Hilfe zu leisten.

In Notfallsituationen tritt häufig der sogenannte Zuschauereffekt auf: Obwohl viele Menschen anwesend sind, fühlt sich niemand verantwortlich. Sprechen Sie deshalb einzelne Personen gezielt an und bitten Sie diese um Unterstützung. Achten Sie dabei immer auch auf Ihre eigene Sicherheit und bringen Sie sich nicht selbst in Gefahr.

1. Überblick verschaffen und Notruf absetzen

Verschaffen Sie sich zunächst einen Überblick über die Situation und sichern Sie die Unfallstelle, sofern dies gefahrlos möglich ist. Setzen Sie anschließend den Notruf 112 ab. Orientieren Sie sich dabei an den W-Fragen:

  • Wer ruft an?
  • Wo ist es passiert?
  • Was ist passiert?
  • Wie viele Verletzte gibt es?
  • Welche Verletzungen oder Beschwerden liegen vor?
  • Warten auf Rückfragen.

2. Erste Hilfe leisten

Leisten Sie bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes Erste Hilfe. Je nach Situation gehören dazu beispielsweise die Herzdruckmassage, die stabile Seitenlage, der FAST-Test bei Verdacht auf einen Schlaganfall oder die PECH-Regel bei Sportverletzungen.

3. Rettungsdienst übernimmt die Versorgung

Sobald der Rettungsdienst eintrifft, übernehmen die Einsatzkräfte die weitere medizinische Versorgung. Bei Bedarf wird die betroffene Person anschließend zur weiteren Behandlung in ein Krankenhaus gebracht.

Die AOK Sachsen-Anhalt unterstützt Sie mit kostenfreien Kinder-Erste-Hilfe-Seminaren. Dort lernen Sie, wie Sie bei Unfällen und Verletzungen von Babys und Kleinkindern richtig handeln. Auch nach dem Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein lohnt sich eine regelmäßige Auffrischung. Organisationen wie die Johanniter, das Deutsche Rote Kreuz (DRK) oder die Malteser bieten entsprechende Erste-Hilfe-Kurse an.

Geöffnete Hausapotheke

Die optimale Hausapotheke

Eine gut ausgestattete Hausapotheke hilft dabei, kleinere Verletzungen und Beschwerden schnell selbst zu versorgen. 

Das gehört in die Hausapotheke
Eine Hausapotheke sollte Verbandsmaterial, Hilfsmittel und rezeptfreie Medikamente enthalten.

Verbandsmaterial

  • sterile Kompressen
  • Mullbinden
  • Heftpflaster und Pflasterstrips
  • Wundschnellverbände

Hilfsmittel

  • Einmalhandschuhe
  • Fieberthermometer
  • Desinfektionsmittel
  • Zeckenzange
  • Kühlkompressen

Rezeptfreie Medikamente

  • Schmerzmittel
  • Mittel gegen Durchfall und Verstopfung
  • Arzneimittel bei Erkältungen
  • Mittel gegen Sonnenbrand
  • Mittel zur Behandlung von Insektenstichen

Medikamente richtig aufbewahren

Bewahren Sie Medikamente an einem kühlen, trockenen und lichtgeschützten Ort auf. Küche und Badezimmer eignen sich aufgrund von Feuchtigkeit und starker Temperaturschwankungen nicht dafür. Ideal ist ein abschließbarer Schrank im Schlafzimmer oder Flur, der für Kinder unzugänglich ist.

Kontrollieren Sie regelmäßig das Verfallsdatum und prüfen Sie, ob alle wichtigen Arzneimittel und Materialien vorhanden sind. Entsorgen Sie abgelaufene oder nicht mehr verwendbare Medikamente fachgerecht. Bewahren Sie außerdem die Beipackzettel auf und halten Sie wichtige Notrufnummern griffbereit. Auch den Verbandkasten im Auto sollten Sie regelmäßig auf Vollständigkeit und Haltbarkeit überprüfen.

Persönlich verordnete Medikamente, beispielsweise Blutdruckmedikamente oder starke Schmerzmittel, sowie Tierarzneimittel und Reinigungsmittel sollten getrennt von der allgemeinen Hausapotheke und stets sicher aufbewahrt werden. So lässt sich das Risiko von Verwechslungen verringern.

 

Helfen, ohne sich selbst zu gefährden

Erste Hilfe bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und nicht wegzusehen. Schon das Absetzen eines Notrufs oder das Organisieren von Unterstützung kann Leben retten. Moderne digitale Systeme ermöglichen dabei in vielen Fällen eine diskrete Alarmierung, ohne dass Sie sich selbst in Gefahr begeben müssen.

  • Smartphonebasierte Ersthelfersysteme

    Viele moderne Smartwatches können im medizinischen Notfall über eine SOS-Funktion Hilfe rufen. Diese kann beispielsweise durch eine Sturzerkennung ausgelöst werden. Je nach Modell lässt sich der Notruf auch durch das Gedrückthalten der Seitentaste aktivieren. Der Standort wird per GPS übermittelt, sodass die Rettungsleitstelle den Einsatzort schnell bestimmen kann. Allerdings können dadurch auch versehentlich Notrufe ausgelöst werden.

    Auch viele Autos verfügen über das automatische Notrufsystem eCall. Bei einem schweren Unfall wird automatisch ein Notruf abgesetzt. Dabei werden unter anderem der Standort, der Unfallzeitpunkt und Fahrzeugdaten an die Rettungsleitstelle übermittelt.

  • Notfall-Apps und digitale Helfer

    Notfall-Apps unterstützen dabei, lebensrettende Maßnahmen wie die Herzdruckmassage oder den Einsatz eines Defibrillators bereits in den ersten Minuten einzuleiten. Dadurch können sich die Überlebenschancen deutlich verbessern.

    Das App-System KatRetter wird seit 2025 im Saalekreis eingesetzt. Dabei werden vorrangig medizinisches Fachpersonal wie Ärzte, Pflegekräfte und Rettungssanitäter sowie registrierte Ersthelfer in unmittelbarer Nähe alarmiert. Geht ein Notruf ein, informiert die Leitstelle parallel zum Rettungsdienst auch registrierte Nutzer der App, sofern sie sich in der Nähe des Einsatzortes befinden. Diese können häufig früher eintreffen als der Rettungsdienst und bereits mit der Ersten Hilfe beginnen. Die Initiative „Region der Lebensretter“ gibt hierfür eine durchschnittliche Ankunftszeit von etwa drei Minuten an.

    Ähnliche Systeme sind „Region der Lebensretter“ und „Mobile Retter“.

  • Nora-App – Notruf ohne Sprechen

    Die Nora-App ist eine zusätzliche Möglichkeit, Polizei (110), Feuerwehr und Rettungsdienst (112) zu erreichen. Dabei wird die Standortfunktion des Smartphones genutzt, um den genauen Standort an die Einsatzleitstelle zu übermitteln. Mit der App können Sie auch dann einen Notruf absetzen, wenn Sie nicht sprechen können. Das ist insbesondere für gehörlose, schwerhörige oder sprachbehinderte Menschen hilfreich. Auch in bedrohlichen oder gewaltsamen Situationen kann die App genutzt werden, um unbemerkt Hilfe anzufordern.

  • Telenotärzte

    Ein Telenotarzt ist ein erfahrener Notarzt, der den Rettungsdienst per Telefon- oder Videoverbindung am Einsatzort unterstützt. Auch wichtige Vitalwerte des Patienten, etwa EKG, Blutdruck oder Sauerstoffsättigung, werden in Echtzeit übermittelt. Darüber hinaus unterstützt der Telenotarzt die Rettungsleitstelle unter anderem bei der Entscheidung über Sekundärtransporte und der Auswahl geeigneter Rettungsmittel. Bei Bedarf kann er die Versorgung auch während des Transports ins Krankenhaus telemedizinisch begleiten.

  • Gemeindenotfallsanitäter

    Gemeindenotfallsanitäter werden insbesondere bei Notfällen eingesetzt, in denen Patienten zwar zeitnah medizinische Hilfe benötigen, ein Transport ins Krankenhaus jedoch nicht zwingend erforderlich ist. Vor Ort übernehmen sie die medizinische Erstversorgung, beraten die Betroffenen und vermitteln bei Bedarf geeignete weiterführende Versorgungsangebote.

    Der Einsatz von Telenotärzten und Gemeindenotfallsanitätern wurde in den vergangenen Jahren in verschiedenen Regionen Sachsen-Anhalts erfolgreich erprobt. Mit der Reform der Notfallversorgung werden beide Versorgungsformen nun im Rettungsdienstgesetz des Landes verankert.

Frau nach Notfallsituation bei Psychologin

Nach dem Notfall: Psychische Verarbeitung und Nachsorge

Nach einer Notfallsituation kann es zu einer psychischen Belastungsreaktion kommen. Die Verarbeitung eines Traumas erfolgt in verschiedenen Phasen.

Schockphase

Die Schockphase ist eine Schutzreaktion des Körpers, die notwendig ist, um das Überleben zu sichern. Betroffene wollen sich gegebenenfalls vom Unfallort entfernen, suchen nach Nähe oder ziehen sich zurück.

Verarbeitungsphase

In der Verarbeitungsphase setzen sich Betroffene intensiv mit dem Erlebten auseinander. Gefühle, Gedanken oder belastende Bilder können immer wieder auftreten und zu starken Stimmungsschwankungen führen. Die eigenen Belastungsgrenzen werden dabei oft besonders deutlich. Verständnis und Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld sind in dieser Zeit wichtig, damit Betroffene ihre Gefühle und Gedanken verarbeiten können.

Die Verarbeitung eines Traumas braucht Zeit und kann sehr belastend sein. Bei Anzeichen für Depressionen, Schlafstörungen oder andere psychische Beschwerden ist es sinnvoll, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die AOK Sachsen-Anhalt unterstützt Sie mit verschiedenen Leistungen:

Psychosoziale Notfallversorgung

Für die psychische und soziale Bewältigung von Notfallsituationen, insbesondere nach schweren Unfällen oder Todesfällen, stehen verschiedene Hilfsangebote für Betroffene, Ersthelfer, Einsatzkräfte und Angehörige zur Verfügung. Eine wichtige Anlaufstelle ist das Deutsche Rote Kreuz (DRK).

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