Gesundheitswelt der AOK Sachsen-Anhalt

ARFID

Ein Junge beißt etwas angewidert in ein belegtes Brot

Zwischen Angst, Ekel und Essvermeidung

ARFID ist eine besondere Form der Essstörung, bei der Betroffene bestimmte Lebensmittel aufgrund von Ekel oder Angst meiden. Sie bleibt oft lange unbemerkt und kann grundsätzlich alle Altersgruppen betreffen. Häufig beginnt die Essstörung jedoch im Kindes- und Jugendalter. Bisher gibt es nur wenig belastbare Studien, die sich mit ARFID beschäftigen. Laut der Stanford University sind jedoch etwa drei bis fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen davon betroffen.

In unserem Beitrag zeigen wir, was ARFID ist und welche Symptome und Ursachen es gibt. Außerdem erfahren Sie, wie die Diagnose und Behandlung aussehen und wie man es vorbeugen kann.

Wussten Sie schon, dass...

Essstörung ohne Schlankheitsdruck

ARFID steht für Avoidant Restrictive Food Intake Disorder, also Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme. Im Gegensatz zu typischen Essstörungen wie Anorexia nervosa oder Bulimie beinhaltet ARFID keinen Wunsch, Gewicht zu verlieren oder ein bestimmtes Körperbild zu erreichen. Betroffene meiden den Verzehr bestimmter Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Milchprodukte und Fleisch, oft aufgrund von Ekel oder Angst. Kohlenhydratreiche, stark verarbeitete oder im Geschmack und Konsistenz gleichbleibende Lebensmittel werden dagegen als „sicher“ empfunden.

Mögliche Gründe dafür sind:

  • starke Abneigung oder Ekel gegenüber Geruch, Geschmack oder Konsistenz
  • übermäßige Angst vor Erbrechen oder Ersticken
  • grundsätzlich kein Interesse an Essen
  • vermindertes Hunger- oder Appetitempfinden
Ein junger Mann betrachtet desinteressiert seinen Salat

Mögliche Ursachen von ARFID

Verschiedene Faktoren können die Entwicklung der Essstörung ARFID beeinflussen.

Biologische Faktoren

Eine genetische Veranlagung erhöht das Risiko für ARFID, insbesondere bei Betroffenen, die empfindlich auf Gerüche, Farbe, Konsistenz oder Geschmack reagieren.

Psychologische Faktoren

Psychologische Faktoren wie eine hohe Ekel-Empfindlichkeit oder Angst- und Zwangsstörungen können ARFID begünstigen. Auch traumatische essbezogene Erfahrungen wie heftiges Verschlucken, Erbrechen oder eine starke allergische Reaktion erhöhen das Risiko. Ebenso können Störungen wie Autismus-Spektrums-Störungen oder ADHS ARFID begünstigen.

Soziale Faktoren

Eine bestimmte Esskultur oder Prägung durch die Familie erhöht das Risiko für ARFID. Auch Kinder mit Entwicklungsstörungen oder neurologischen Auffälligkeiten gehören zu den Risikogruppen.

Junge Frai lässt ihr ARFID psychotherapeutisch abklären

ARFID erkennen und behandeln

Die Symptome können individuell unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Im Kindesalter sind sie meist schwer zu erkennen, da Kinder oft mäkeln beim Essen oder bestimmte Lebensmittel ablehnen. Typische Anzeichen für ARFID sind:

  • stark ausgeprägte Abneigung gegen bestimmte Konsistenzen, Gerüche oder Texturen
  • erheblicher Gewichtsverlust (Untergewicht)
  • Wachstumsstörungen (bei Kindern)
  • großer Nährstoffmangel
  • Abhängigkeit von Nahrungsergänzungsmitteln
  • Vermeiden gemeinsamer Mahlzeiten
  • starke Routinen und Kontrollen beim Essen

Die Diagnose erfolgt im Zusammenspiel vom Haus- oder Kinderarzt sowie Fachärzten für Psychiatrie oder Psychosomatik. Auch Ernährungsberater oder Therapeuten mit dem Schwerpunkt Essstörungen können herangezogen werden.

Für eine Diagnose muss eines der folgenden Kriterien erfüllt sein:

  • Gewichtsverlust oder bei Kindern eine mangelhafte Gewichtszunahme
  • Nährstoffmangel wie Eisen- oder Vitaminmangel
  • Abhängigkeit von Nahrungsergänzungsmitteln oder Sondernahrung
  • psychosoziale Beeinträchtigung wie das Vermeiden gemeinsamer Mahlzeiten

Wie ARFID Körper und Leben beeinflusst

ARFID kann viele Folgen für die Gesundheit und das Leben der Betroffenen haben:

  • Gewichtsprobleme wie ein starker Gewichtsverlust oder eine gestörte Gewichtsentwicklung (bei Kindern)
  • Mangelerscheinungen wie Eisenmangelanämie, Osteoporose oder Rachitis
  • körperliche Symptome wie Schwindel, Muskelschwund oder Dehydrierung
  • psychische Belastung wie Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder Stress
  • sozialer Rückzug, zum Beispiel durch den Verzicht auf Ausflüge, Kindergeburtstage oder gemeinsame Mahlzeiten
  • selten: schwere Komplikationen wie Nerven- oder Augenerkrankungen durch schweren, länger andauernden Nährstoffmangel

Psychotherapie

In einer ambulanten Verhaltenstherapie können schädliche Gedanken- und Verhaltensmuster erkannt werden. Betroffene werden schrittweise an Lebensmittel mit unterschiedlichen Konsistenzen und Geschmacksrichtungen herangeführt. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen werden auch Angehörige mit in die psychotherapeutische Behandlung einbezogen. Auch die Therapie von möglicherweise bereits bestehenden  Angststörungen, Depressionen oder Zwangssymptomen stellt einen wichtigen Teil dar.

Die AOK Sachsen-Anhalt übernimmt die Kosten für eine ambulante Psychotherapie.

Ernährungsberatung

Der Ernährungsberater vermittelt die Grundlagen einer gesunden, ausgewogenen Ernährung, angepasst an die individuellen Bedürfnisse. Die AOK Sachsen-Anhalt übernimmt bei medizinischer Begründung die Kosten für eine Ernährungsberatung.

Essen ohne Stress: Strategien für den Alltag

Einige Strategien können die Therapie von ARFID unterstützen.

  • Achtsamkeit üben

    Mit Atemübungen, Stressmanagement oder progressiver Muskelentspannung können Sie Achtsamkeit trainieren. Die AOK Sachsen-Anhalt bezuschusst Gesundheits- und Präventionskurse zur Entspannung. Haben Sie Geduld und meiden Sie Druck, auch von außen.

  • Essroutinen

    Strukturierte, feste Esszeiten und gemeinsame Essensrituale schaffen Sicherheit.

  • Selbsthilfegruppen

    Selbsthilfegruppen fördern den Austausch mit anderen Betroffenen und geben Motivation. In Sachsen-Anhalt gibt es dazu viele Anlaufstellen. Auch Angehörige sollten Betroffene unterstützen und durch Zuhören ermutigen.

  • Erfolgstagebuch

    Notieren Sie in einem Erfolgstagebuch Ihre Fortschritte wie neue Lebensmittel oder gemeinsames Essen mit der Familie oder Freunden.

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