Gesundheitswelt der AOK Sachsen-Anhalt

Tourette-Syndrom

Eine junge Frau spürt Anspannung aufgrund des Tourette-Syndroms

Was ist das Tourette-Syndrom?

Ein kurzes Zucken, ein Räuspern oder auffällige Lautäußerungen sind typisch für das Tourette-Syndrom. Die neurologische Erkrankung wird als Gilles-de-la-Tourette-Syndrom, kurz TS, bezeichnet. Benannt ist sie nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette, der die Erkrankung 1885 erstmals ausführlich beschrieben hat. Tourette ist eine chronische Tic-Störung, die sich in unwillkürlichen, wiederholten Bewegungen oder Lauten äußern. Die sogenannte Spektrum-Erkrankung ist unterschiedlich stark ausgeprägt und betrifft circa bis zu einem Prozent der Bevölkerung. Es tritt meist erstmals im Grundschulalter, zwischen sechs und zehn Jahren, auf. Für Betroffene ist es psychisch sehr belastend, besonders bei starker Ausprägung – es kann Scham und Angst vor Spott und Ausgrenzung verursachen.

Erfahren Sie mehr über die Ursachen der Erkrankung und ihre typischen Tics, wie die Behandlung erfolgt und was Tourette-Betroffene im Alltag beachten können.

Wussten Sie schon, dass...

  • Jungen viermal häufiger von Tourette betroffen sind als Mädchen?
  • das Tourette-Syndrom die häufigste Tic-Störung im Erwachsenenalter ist?
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Ursachen des Tourette-Syndroms

Die genaue Ursache von Tourette ist noch unbekannt. Fest steht jedoch, dass es sich um eine multifaktorielle neurologische Störung handelt, die vererbt sein kann. Ein konkreter verantwortlicher Gendefekt lässt sich bisher nicht nachweisen, doch ist eine familiäre Häufung deutlich erkennbar. Bildgebende Verfahren zeigen Hinweise auf Fehlfunktionen im Gehirn, insbesondere im Thalamus und in den Basalganglien, die für die Bewegungskoordination zuständig sind. Dies könnte auf eine Beteiligung hinweisen. Weiterhin wird vermutet, dass Störungen im dopaminergen Botenstoff-System oder in anderen Neurotransmittersystemen des Gehirns vorliegen. Wahrscheinlich handelt es sich um das Zusammenspiel mehrerer neurobiologischer und genetischer Ursachen. Auch Umwelteinflüsse, wie Sauerstoffmangel bei der Geburt, stehen im Verdacht.

Ein Vater tröstet seinen kleinen Sohn, der am Tourette-Syndrom leidet

Wie äußert sich TS? 

Typisch für das Tourette-Syndrom sind unterschiedliche Tics, die nicht gleichzeitig auftreten müssen. Dabei handelt es sich um schnelle, nicht-rhythmische Wiederholungen von Bewegungen oder Lauten. Sie treten meist spontan auf, viele Betroffene verspüren jedoch kurz zuvor einen inneren Drang, der durch den Tic „entladen“ wird. Medizinisch wird zwischen einfachen Tics, wie Blinzeln oder Schulterzucken, und komplexen Tics, die mehrere Muskelgruppen oder sprachliche Äußerungen umfassen können, unterschieden.

  • Motorische Tics (Bewegungen)

    Einfache Tics beschreiben kurze Bewegungen eines Körperteils wie Augenblinzeln, Grimassen schneiden oder Kopfrucken.

    Komplexe Tics sind komplexere Bewegungen, die absichtlich wirken, aber unwillkürlich auftreten. Das sind zum Beispiel Springen, Hüpfen oder Drehen um die eigene Achse. Auch Sonderformen wie obszöne Gesten (Kopropraxie), Imitieren von Bewegungen und anderer Menschen (Echopraxie) werden dazu gezählt. 

  • Vokale oder phonische Tics (Laute)

    Einfache Tics sind hier unwillkürliche, absichtslose Laute wie Räuspern, Husten oder Grunzen und selten auch Schreien.

    Zu den komplexen Tics zählen Wiederholungen bestimmter Wörter, unangebrachte oder obszöne Wörter (Koprolalie), Wiederholung eigener Laute und Worte (Palilalie) oder die Wiederholung von Geräuschen und Worten anderer (Echolalie).

    Die Tics sind individuell unterschiedlich in Stärke, Häufigkeit und Art ausgeprägt. Sie verändern sich im Verlauf, jedoch ist dies nicht vorhersehbar. Meist kommt es zu einer Verschlechterung im Kindes- und Jugendalter und zu einer Besserung nach der Pubertät. In einigen Fällen verschwinden die Symptome auch ganz. Tics können aber auch ein Leben lang bestehen bleiben. Insbesondere bei Anspannung, Stress und Unruhe, Freude, Langeweile sowie Müdigkeit können die Tics zunehmen. Weniger werden sie bei Ruhe, Entspannung und Konzentration wie zum Beispiel bei sportlichen Aktivitäten.

Eine Psychologin diagnostiziert Tourette bei einem Jugendlichen

Diagnose des Tourette-Syndroms

Meist bemerken Eltern,  Lehrer oder Erzieher die Tics zuerst. Der Arztbesuch, bei einem Kinder- bzw. Hausarzt, führt zur klinischen Untersuchung. Kriterien sind sowohl motorische als auch vokale Tics, die über ein Jahr lang auftreten, mit erstmaligem Auftreten vor dem 18. Lebensjahr. Die ICD-Klassifizierung lautet „Kombinierte vokale und multiple motorische Tic-Störungen“ beziehungsweise gemäß der DSM-5 „Tourette Disorder“. Zusätzlich erfolgt eine Überprüfung auf sogenannte Komorbiditäten.  

Etwa 80 Prozent der Betroffenen weisen Begleitsymptome neben ihren Tics auf, wobei mit zunehmender Tic-Schwere auch mehr Komorbiditäten vorkommen. Am häufigsten treten Zwangsstörungen und ADHS auf, aber auch Depressionen, Angststörungen, Wutanfälle, Schlaf- und Lernstörungen können vorkommen. Bei komplexen Fällen oder stark belastenden Tics erfolgt eine Überweisung an einen Kinder-Neurologen oder Kinder- und Jugend-Psychiater.

Wie wird Tourette behandelt?

Tourette ist derzeit nicht heilbar, aber gut zu behandeln und beeinflusst die Lebenserwartung nicht. Die Behandlung ist wichtig, um die Tics zu reduzieren, die Lebensqualität zu erhöhen und sie dient zeitgleich der Behandlung eventueller Komorbiditäten. Bestimmte therapeutische Maßnahmen kommen zum Einsatz:

  • Habit Reversal Training (HRT)

    In der Verhaltenstherapie erlernen Betroffene ein alternatives Verhaltens zu ihren Tics. Sie sollen das Gefühl bewusst wahrnehmen und vor dem Auftreten des Tics alternative Bewegung durchführen, um diesen zu verhindern.

  • Exposure and response prevention (ERP)-Verfahren

    Patienten beschreiben ein Automatismus, also das Gefühl vor dem Tic. In dem Verfahren lernen Betroffene dieses Vorgefühl zu unterbrechen und länger auszuhalten.

  • CBIT-Verfahren (Comprehensive Behavorial Intervention for Tics)

    Diese Methode ist ein bewusstes Wahrnehmen der Tic-Situationen. Betroffene erlernen Entspannungsverfahren. Die Therapie hilft dabei, Tics um circa 30 bis 35 Prozent zu reduzieren.

    Um die Tics zu reduzieren, kann auch eine medikamentöse Behandlung erfolgen. Dazu zählen Neuroleptika (Antipsychotika) wie Haloperidol oder Pimozid sowie Noradrenerg-wirksame Substanzen wie Clonidin– insbesondere bei Tourette und gleichzeitigem ADHS. Die Medikamente haben allerdings starke Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Gewichtszunahme, Sexualfunktionsstörungen und Schwindel. Sie werden nur dann verordnet, wenn die therapeutische Behandlung erfolglos ist.

Eine junge Frau lässt sich auf Tourette testen

Die operative Behandlung stellt ebenfalls eine Option dar.

Die tiefe Hirnstimulation (DBS) kann bei Erwachsenen mit schweren Tics beziehungsweise wenn andere Behandlungen nicht geholfen haben, zum Einsatz kommen.

Weitere Therapieansätze sind außerdem der Einsatz von Botulinumtoxin (Botox) bei einzelnen, kleinen motorischen Tics im Gesicht und Nacken. Auch Cannabinoide können gegen Tics helfen. Allerdings fehlt dazu bisher eine eindeutige Studienlage. Nebenwirkungen sind möglich, daher gilt der Einsatz eher als „experimentell"

Umgang mit dem Tourette-Syndrom

Informieren Sie Ihr Umfeld, insbesondere Lehrer, aber auch Angehörige, Freunde oder Vorgesetzte, damit sie besser mit der Störung umgehen können. Entspannung kann helfen wie zum Beispiel durch Meditation, Achtsamkeits- oder Entspannungsübungen sowie progressive Muskelentspannung. Bei der Diagnose der Krankheit Tourette beziehungsweise Tic-Störung ist eine geeignete Arztsuche wichtig, um passende Ärzte und Psychotherapeuten in der Nähe zu finden. Viele hilfreiche und kostenfreie Broschüren und Informationen, auch speziell für Kinder, finden Sie bei der Deutschen Tourette-Gesellschaft

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