Gesundheitswelt der AOK Sachsen-Anhalt

Neurodiversität

Eine neurodivergentes Mädchen schlägt mit einer Erwachsenen ein

Anders denken gehört dazu

So einzigartig wie Fingerabdrücke sind auch unsere Gehirne. Neurodiversität macht diese Verschiedenheit sichtbar. Sie beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und Denkweisen und betont, dass Unterschiede in Wahrnehmung, Lernen, Aufmerksamkeit oder Verhalten als Teil dieser Vielfalt verstanden werden.

Der Begriff entstand aus der Selbstvertretungsbewegung autistischer Menschen in den 1990er-Jahren und verfolgt das Ziel, Akzeptanz, angemessene Rahmenbedingungen und Chancengleichheit zu schaffen, statt Anpassungsdruck. Der Ansatz konzentriert sich auf Fähigkeiten und besondere Perspektiven, sodass Menschen mit neurodivergenten Denkweisen einzigartige Stärken in Gesellschaft und Beruf einbringen können.

Erfahren Sie, welche Vorteile Neurodiversität hat, wie sie am besten in Beruf und Alltag genutzt werden kann und welchen Zusammenhang sie mit der Gesundheit hat.

Wussten Sie schon, dass...

  • jedes Gehirn anders aufgebaut ist und unterschiedlich arbeitet?
  • die AOK Sachsen-Anhalt eine digitale Psychotherapie anbietet?
  • Winterwanderungen die Sinne schärfen und die Natur intensiver erlebbar machen?

Was ist Neurodiversität?

Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt neurologischer und kognitiver Funktionsweisen. Die Unterschiede zeigen sich in Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Denken, Lernen, Kommunikation und Reizverarbeitung, und sind Teil menschlicher Variation. Oft wird der Begriff in Zusammenhang mit Autismus-Spektrum, ADHS/ADS, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie, Dyspraxie, Tourette oder Hochbegabung verwendet. Wichtig ist eine Unterscheidung zwischen Neurodiversität als Prinzip der Vielfalt aus gesellschaftlicher Perspektive und Neurodivergenz, wenn eine Person von neurologischen Normvorstellungen abweicht. 

Ein Mann leidet aufgrund von Arbeitsstress unter seiner Neurodiversität

Die Diagnosen dienen als medizinische beziehungsweise psychologische Kategorien, die einen Zugang zu Unterstützung ermöglichen. Neurodiversität heißt nicht, dass Herausforderungen weggeredet werden. Schwierigkeiten entstehen häufig aus der Unstimmigkeit zwischen individueller Neurobiologie und Umweltanforderungen, wie zum Beispiel Lärm, Zeitdruck, unklare Kommunikation und starre Strukturen.

Ein Beispiel: Manche Menschen benötigen klare, schriftliche Absprachen und feste Strukturen, während andere bevorzugt flexibler arbeiten. Weicht dies von gängigen Erwartungen ab, wird von Neurodivergenz gesprochen.

Welche Vorteile hat Neurodiversität?

Abhängig von der Person, dem Umfeld und der Aufgabe können unterschiedliche Stärken einen echten Mehrwert bieten.

  • Kreativität und Innovation

    Ungewöhnliche Verknüpfungen fördern kreative Lösungen. Alternative Lösungswege ermöglichen flexible Vorgehensweisen. Das Denken außerhalb gewohnter Muster ermutigt dazu, neue Perspektiven zu gewinnen.

  • Detailgenauigkeit und Mustererkennung

    Diese Fähigkeiten sind besonders wertvoll in der Datenanalyse, Qualitätssicherung, Technik, Forschung oder Fehlerdiagnostik.

  • Intensive Fokussierung und Ausdauer bei Interesse

    Manche Menschen können sich überdurchschnittlich lange und intensiv mit bestimmten Themen beschäftigen.

  • Ehrlichkeit und Direktheit

    Eine klare und direkte Kommunikation kann in einem passenden Umfeld die Zusammenarbeit in Teams effizienter machen.

  • Systematisches Denken und Regelverständnis

    Diese Fähigkeiten ermöglichen Stärken in strukturierten Bereichen, in denen Präzision und Konsistenz gefragt sind.

Wichtig: Stärken sind nicht automatisch vorhanden und können durch Stress oder fehlende Unterstützung verdeckt werden. Auch neurotypische Menschen können diese Stärken besitzen. Ein Mehrwert entsteht besonders dann, wenn die Passung zwischen Person, Aufgabe und Umfeld gegeben ist.

Neurodivergente Schüler arbeiten an eine Schulprojekt

Wie wird Neurodiversität genutzt?

Im Gesundheitskontext bedeutet die Berücksichtigung von Neurodiversität, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Menschen gesünder leben und arbeiten können. Dadurch funktionieren Systeme wie Schule, Arbeit und medizinische Versorgung besser.

In Schule und Ausbildung

Ein Nachteilsausgleich kann zum Beispiel mehr Zeit oder alternative Prüfungsformen umfassen. Reizarme Lernsettings beinhalten einen passenden Sitzplatz, Pausen und klare Abläufe. Didaktische Vielfalt berücksichtigt visuelle, auditive und praktische Lernformen, arbeitet mit kleinen Schritten und klaren Zielen. Die Orientierung auf Stärken statt auf Defizite rückt individuelle Potenziale in den Vordergrund.

In der Arbeitswelt

Immer mehr Betriebe setzen neuroinklusive Maßnahmen um, etwa klare Rollen, Prioritäten und Erwartungen, schriftliche Zusammenfassungen nach Besprechungen und eine wertschätzende Feedbackkultur. Dazu gehören auch flexible Arbeitszeiten sowie ruhige Arbeitsplätze, Kopfhörer und feste Fokuszeiten.

Ziel ist weniger Überforderung und Fehlkommunikation sowie mehr Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden.

Im Alltag und in Familien

Entlastende Routinen umfassen Planung sowie einen regelmäßigen Essens- und Schlafrhythmus. Hilfsmittel wie Timer, Apps, Checklisten und visuelle Tagespläne unterstützen den Alltag. Reizmanagement durch Pausen und Rückzugsorte hilft, Belastung zu reduzieren. Eine gemeinsame Sprache für Bedürfnisse erleichtert die Kommunikation.

In Therapie, Coaching und Versorgung

Die Diagnostik kann als Zugang zu passender Unterstützung dienen, um das eigene neurobiologische Profil besser zu verstehen und Fähigkeiten wie Emotionsregulation, Stressmanagement, Struktur und Kommunikation zu entwickeln. In bestimmten Fällen kann auch eine medikamentöse Unterstützung sinnvoll sein, zum Beispiel bei ADHS.

Welchen Zusammenhang gibt es zur Gesundheit?

Neurodiversität ist keine Krankheit, aber gesundheitlich relevant. Betroffene erleben häufiger Belastungen, die sich auf Körper und Psyche auswirken können.

  • Stress und Masking

    Viele neurodivergente Personen passen sich dauerhaft an neurotypische Erwartungen an, ein Verhalten, das als Masking bezeichnet wird. Dazu gehören zum Beispiel das ständige Kontrollieren von Blickkontakt, Tonfall, Körpersprache, Smalltalk und Reaktionen. Dies kann zu chronischem Stress, Erschöpfung und einem erhöhten Risiko für Angststörungen, Depressionen und Burnout führen.

  • Reizverarbeitung und Überlastung

    Lärm, Licht, Gerüche oder permanente Unterbrechungen können das Nervensystem stark beanspruchen. Mögliche Folgen sind Schlafprobleme, Reizbarkeit, Kopfschmerzen oder Verdauungsbeschwerden.

  • Selbstwert und Ausgrenzung

    Jahrelange negative Rückmeldungen wie zu laut, zu sensibel, unorganisiert oder komisch können den Selbstwert beeinträchtigen und das Risiko für psychische Krisen erhöhen, insbesondere wenn Unterstützung zu spät erfolgt.

  • Versorgungslücken und Fehldiagnosen

    Neurodivergenz wird nicht immer erkannt, insbesondere bei Personen, die im Alltag gut funktionieren. Dies kann zu nicht passenden Behandlungswegen und langen Leidenszeiten führen.

  • Gesundheitsressourcen durch passende Umgebung

    Wenn Umfeld, Kommunikation und Anforderungen besser aufeinander abgestimmt sind, steigen Lebensqualität, soziale Teilhabe, Arbeitsmotivation und psychische Stabilität. Häufig wirkt sich dies auch positiv auf die körperliche Gesundheit aus, etwa durch besseren Schlaf, mehr Energie und weniger Stress.

Ein neurodiverser junger Mann fühlt sich gut versorgt in Sachsen-Anhalt

Leben mit Neurodivergenz in Sachsen-Anhalt

In Städten wie Magdeburg, Halle (Saale), Dessau-Roßlau oder Lutherstadt Wittenberg zeigt sich das Thema „Zugang“ besonders deutlich. Für neurodivergente Menschen und Familien sind folgende Punkte oft entscheidend.

Versorgungswege und Erreichbarkeit                  

Gerade außerhalb größerer Städte ist es schwieriger, zeitnah passende Diagnostik, Psychotherapie oder spezialisierte Angebote zu finden. Lange Wege, Wartelisten und begrenzte Kapazitäten belasten und erhöhen Stress für Betroffene und Angehörige.

Schule und Übergänge

Die Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schule, Schulpsychologie und Jugendhilfe ist oft entscheidend. Gute regionale Netzwerke machen einen spürbaren Unterschied.

Arbeitswelt und Fachkräftesicherung

Sachsen-Anhalt steht vor Herausforderungen in der Fachkräftesicherung. Neuroinklusion kann ein echter Gewinn sein. Wenn Betriebe passende Rahmenbedingungen schaffen, können Betroffene Stärken einbringen und langfristig gesund bleiben.

Community und Selbsthilfe

Lokale Selbsthilfe, Elterninitiativen und neurodivergente Communities bieten Orientierung, Entlastung und Erfahrungswissen. Für Gesundheit ist ein soziales Netz ein zentraler Schutzfaktor. Für Sachsen-Anhalt bedeutet das, dass die Gesundheitsförderung rund um Neurodiversität besonders gut gelingt. Unter der Voraussetzung, dass Bildung, das Gesundheitssystem, Jugend- und Selbsthilfe sowie Betriebe gut zusammenarbeiten. 

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